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100 Jahre alte Eieruhr - Neues Ausstellungsstück wird erstmals präsentiert

Da staunte im letzten Jahr der Museumsuhrmacher Josef Gölz bei den Brauchtumstagen im Lindenfelser Museum nicht schlecht, als Mitten im Betrieb eine Dame vor seinen Tresen trat und ihm einen Kasten hinstellte. Mit den Worten: „Das ist eine alte Eieruhr, die vermache ich dem Museum.“, war die Dame in der Menge auch schon wieder verschwunden. Gölz konnte sich gerade noch im Namen des Museums bedanken und stellte den kleinen Kasten unter den Tresen.

Nach der Veranstaltung widmete sich Josef Gölz dem Stück und recherchierte im Internet was er da genau in Händen hielt. Und da war die Überraschung groß!

Eine Veröffentlichung auf der Internetseite „Der Westen“, eine Seite von Funke Medien NRW, aus dem Jahre 2012 verriet ihm, dass es sich um eine 100 Jahre alte Eieruhr der Reeser Galenuswerke handelte. Der Grund für den Artikel war, dass eine solche Eieruhr bei einem Antiquitätenhändler in Mainz aufgetaucht war. Ein junges Pärchen besaß die Praktikus aus dem Familiennachlass und wollte sich nach dem Wert erkundigen. Man einigte sich dann darauf, die Uhr im Internetauktionshaus Ebay zum Verkauf anzubieten. Bis zu diesem Bericht dahin gab es keine Fotografien von der Eieruhr, sondern nur eine Konstruktionszeichnung von dieser Erfindung – und da der Herstellungsort im Verbreitungsgebiet der Medien-Gruppe lag, kam es zu dem Bericht:

„Das Geheimnis ist gelüftet. Es gibt sie noch im Original: die Automatische Eieruhr Praktikus, die um 1900 aus gebördeltem und gelötetem Weißblech in Rees bei den Galenuswerken gefertigt wurde und sogar lithographiert ist. Nur Fotos von ihr gab es nicht. Zumindest bis jetzt.

Vor 100 Jahren wurde die Eieruhr bei den Galenuswerken erfunden, die sie sich aber nicht auf dem Markt behaupten konnte. Der Konsument zog nämlich Sanduhren vor.

Bei der Uhr handelt es sich um eine echte Rarität, denn es wurden nicht viele Exemplare davon hergestellt. Der Erfinder war ein einfacher Fabrikarbeiter, von dem man lediglich weiß, dass er 1945 verstarb, ohne das Geheimnis zu lüften, welche Flüssigkeit sich in dem Mechanismus befindet und somit die Trommel bewegt. Der Mechanismus ist noch voll funktionsfähig, die originale Metallkugel ebenfalls vorhanden.

Trotz des hohen Alters befindet sich die Eieruhr in einem gut erhaltenen Zustand. Auf der Uhr ist sogar die Bedienungsanleitung zu finden: ,,Lege die Kugel in die mit der gewünschten Härte (weich, mittel, halbhart, hart) bezeichnete Öffnung und die Eier in das kochende Wasser. Das Signal ertönt dann, wenn die Eier gut sind.“

Ein Bericht auf der Internetseite www.gbmarketingpraxis.wordpress.com aus dem Jahre 2010 gibt noch mehr Informationen zu der Uhr bekannt:

„Ein Verkaufsschlager ist sie nicht geworden, die Eieruhr „Praktikus“, die ein Reeser Arbeiter der Galenuswerke vor rund 100 Jahren konstruiert hat. Trotz Patentanmeldung und Abbildung in einem Katalog. So wissen wir zwar heute, wie sie ausgesehen hat,während alle anderen Informationen nur sehr dürftig vorhanden sind. Weder in dem Unternehmen noch im Archiv des Rheinstädtchens befinden sich Konstruktionszeichnungen oder gar ein Exponat der Reeser Eieruhr.

Dabei übernehmen Eieruhrennicht nur zu Ostern eine wichtige Rolle: nämlich den Ehe- oder Familienfrieden zu bewahren. Denn schon bei Loriot erfahren wir, zu welchem Drama es führen kann, wenn das Frühstücksei zu weich oder zu hart auf den Frühstückstisch gelangt. Ob diese Erfahrung bei dem Erfinder der „Praktikus“ Pate gestanden hat, können wir heute nur noch vermuten. Eines geht allerdings aus der damaligen Werbung hervor: Wenn man die Kugel oben in eine der Öffnungen der quaderförmigen Eieruhr gelegt hat, ertönte zur rechten Zeit ein Glockensignal. Dabei konnte man die Öffnung W für weich und HH für halbhart wählen. 3,60 Reichsmark sollte das gute Stück kosten. Denkt man an die geringen Löhne um die Jahrhundertwende, ist das vielleicht mit ein Grund dafür, dass nur wenige Exemplare hergestellt wurden.

Dieses vermutete zumindest Dr. Helmut Langer, der Schwiegersohn des Apothekers Loos aus Ober-Ramstadt, dessen Ehefrau aus der Gründerfamilie der Galenuswerke stammte. Wilhelm van Galen gründete 1889 das Unternehmen, das bis heute besteht. Herstellungs- und Patentunterlagen sind entweder bei einem Brand 1930 oder in den Kriegsereignissen vernichtet worden. Das ergibt sich aus dem Briefwechsel, den Stadtarchivar Hermann Terlinden 1976 mit den Galenuswerken und Helmut Langer führte.

Aufmerksam wurde man damals auf die Existenz einer Reeser Eieruhr durch den Brief des Ingenieurs Werner Rüsch aus Hannover. Der hatte Opas Eieruhr, die Praktikus aus Rees, erstanden und interessierte sich insbesondere für deren Technik. Es war ihm nämlich nicht gelungen, die Uhr aus gebördeltem und gelöteten Weißblech wieder funktionstüchtig zu machen. Dabei kam es vor allem auf die Flüssigkeit an, die das Innere der Trommel füllt. So viel war sicher: Wasser war es nicht. Die Briefschreiber rätselten, ob die bewusste Substanz Benzin, Öl oder Glycerin gewesen sei.“

In Absprache mit dem Museumsleiter Jan Hohmann, wollte man das gute Stück eigentlich bei einer Fernsehsendung präsentieren, deshalb schlummerte die Eieruhr die ganze Zeit über bei Josef Gölz und wartet auf ihren Auftritt. Das wurde nun verworfen und so kamen Josef Gölz und Jan Hohmann überein diese beeindruckende Spende erstmals bei den Lindenfelser Brauchtumstagen am 5. und 6. Oktober öffentlich vorzustellen. Ein Grund mehr bei der überaus beliebten Veranstaltung vorbeizuschauen – denn hier wird alte Handwerkskunst wieder lebendig und es gibt interessante Dinge zu bestaunen – so 2019 auch die 100 Jahre alte Eieruhr.